Vorwurf

vorwurfWenn Menschen sich begegnen, dann streiten sie. Das ist nicht wirklich schlimm, denn solange die Integrität des Gegenüber im Konfliktfall gewahrt bleibt, ist streiten besser als schweigen. Doch leider ist es nicht immer einfach das Gegenüber bei Meinungsverschiedenheiten wertzuschätzen. Gelegentlich überschreiten wir Grenzen. Das ist dann der Fall, wenn wir die andere Person beleidigen, beschimpfen, demütigen, aussperren, ihn auf die stille Treppe verbannen oder ihr etwas vorwerfen.

Ein Vorwurf, ein Tadel oder eine Beschuldigung zeigt, dass jemand seinem Gegenüber nicht auf Augenhöhe begegnen möchte oder kann. Er wechselt in sein Eltern-Ich und behandelt sein Gegenüber als Kind. Es entsteht eine Schieflage, in dem der andere schuldig gesprochen werden kann: „Schon wieder hast du die Zahnpastatube nicht zu gemacht, habe ich dir nicht schon hundert Mal gesagt, dass das Ding zu kommt? Nie hältst du dich an Regeln!“

Damit eine Begegnung auf Augenhöhe gewahrt werden kann, reagiert man ebenso verallgemeinernd und vorwurfsvoll – also Auge um Auge. „Ach hör auf mit dem Quatsch – du bist es, die sich nicht an Regeln hält. Ständig stolpere ich über deine Schuhe!“  Wir können auch richtig ausholen, in dem wir vielleicht sagen: Mein Gott, wer bist du denn, dass du mich hier maßregeln musst – mach doch deine Scheiß-Zahnpastatube selbst zu. Naja, es dürfte klar sein, dass sich auf diese Weise nicht konstruktiv streiten lässt.

Um einer Begegnung auf Augenhöhe auszuweichen könnten wir selbstverachtend und unterwürfig reagieren: „Ja, du hast Recht, ich kann mich nicht an Regeln halten – ich bin eben ein Trottel, dem man alles tausend Mal sagen muss.“

Oder wir reagieren mit einer Rechtfertigung oder Erklärung: „Ja – wenn ich es eilig habe, dann vergesse ich die Zahnpastatube halt mal. Ich werde es in Zukunft besser machen!“ Damit beenden wir zwar den Streit – aber wir haben noch nicht alles geklärt, denn die Verallgemeinerung: „Nie hältst du dich an Regeln!“ ist einfach falsch. Der Angriffene unterwirft sich, indem er die Verallgemeinerung akzeptiert und nicht kommentiert. Möglicherweise aus Angst oder vielleicht auch, weil das Machtgefälle es nicht zulässt.

Wenn wir richtig glänzen möchten und den Vorwurf aus der Welt schaffen wollen, bzw. die Verletzung abwehren möchten und die Augenhöhe wahren möchten, dann könnten wir so reagieren:

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich an Regeln halten kann – deswegen kann ich deine Aussage so nicht stehen lassen.“ In diesem Falle gebe ich gerne zu: Ich habe die Tube heute Morgen nicht zugemacht. Das hat aber einen Grund – ich bin zu spät aufgestanden und hatte heute Morgen ganz andere Dinge als Zahnpastatuben im Kopf.“

„Ich würde mich sehr freuen, wenn du es in Zukunft wertschätzen könntest, dass ich für den Unterhalt der Familie verantwortlich bin und manchmal mit dem Kopf schon aus dem Haus bin, während mein Körper noch im Bad steht.“

„Wenn du das Problem unbedingt lösen möchtest, dann schlage bitte vor, wie wir es lösen können und lass in Zukunft bitte Verallgemeinerungen und Vorwürfe – das kränkt mich, ich möchte schließlich nicht wie ein Kind behandelt werden.“

Bei diesem letzten Versuch wird umfassend auf den Angriff eingegangen. Zunächst wird der Vorwurf aus der Welt geschafft – auf der Sachebene, zweitens die eigene Perspektive formuliert (Bedürfnisse) – man wahrt das Gesicht, in dem der Dialog von der Eltern-Kind-Begegnung wieder auf die Erwachsenen-Ebene verschoben wird und richtet einen Appell an das Gegenüber mit der Ermutigung am Problem selbst zu arbeiten. Das ist konstruktives Streiten – keine Angriffe – die Integrität des Gegenübers bleibt gewahrt. Die Dinge kommen auf den Tisch – das Gegenüber erhält einen Einblick in das Seelenleben des Beschuldigten und alle Beteiligten können nun Lösungen fokussieren.

Literaturtipp:

Eric Berne – Spiele der Erwachsenen: Psychologie der menschlichen Beziehungen

Joachim Bauer – Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt

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