Nein sagen

Viele Handlungen anderer Personen sind darauf angelegt uns zu manipulieren. Auch wenn wir es nicht immer bemerken, solche Übergriffe finden ständig statt. Ungefragt möchte man uns in etwas „hineinziehen“, „überredet uns“ ein Glas mehr zu trinken, oder „drängt uns“ Kaufentscheidungen auf. Die Werbung „verführt uns“ zum Kauf eines unnötigen Produkts oder „suggeriert uns“ etwas zu brauchen, was eigentlich gar keinen Nutzen hat. Oft geht es darum instrumentalisiert zu werden, ob dies die Religion oder der Staat, das Pharmaunternehmen oder der Arbeitgeber oder die Ehefrau bzw. der Ehemann ist, auf jeden Fall wird stets in manchmal grober, manchmal subtiler Weise am Seil gezogen. Oftmals spüren wir den Zug im Seil überhaupt nicht, weil wir uns mit bestimmten Rollen identifizieren. So identifizieren wir uns mit der Rolle des Kunden, oder des Arbeitnehmers, oder des Ernährers, oder der Demokratin, der Ehefrau, des Vaters und folgen brav dem erwarteten Rollenscript. Am Ende bleibt die Frage, ob wir das so wollen, oder ob wir nicht mit einem schlichten Nein den Manipulationsversuch verhindern.

Die erste groß angelegte therapeutische Intervention, die in Deutschland vorgenommen wird, findet im Kindergarten statt. Dort wird unter großem Engagement der Erzieherinnen, den Kinder beigebracht, Nein zu sagen. Es ist eine Lehreinheit im Rahmen der Gewaltprävention. Die Pädagoginnen möchten Kinder beibringen, sich argumentativ zu wehren, wenn andere Kinder oder Erwachsene etwas tun, was diese nicht möchten. Trotz dieser frühen Intervention bleibt das „Neinsagen“ eine große Herausforderung.

Neinsagen ist herausfordernd. Weshalb? Weil wir damit einen Unterschied deutlich machen: „Nein, ich möchte nicht so, wie du willst!“ Ein Veto ist die Grundlage jedes Streits. Und wenn das Gegenüber antwortet: „Das ist mir egal! – Deine Meinung interessiert mich nicht.“ – also das Nein wiederum verneint, wir damit aber nicht einverstanden sind, brennt es lichterloh.

Nein sagen, ist meist mit Ängsten verbunden: Wie wird mein Partner das Nein aufnehmen, wie wird er oder sie darauf reagieren? Weil wir Angst haben uns den Konsequenzen eines Protests auszusetzen werden viele zum Ja-Sager.

Ein Nein könnte innere Konflikte provozieren. Gerade dann wenn das Nein Rollenerwartungen und Identifikationen widerspricht: „Ein Vater tut alles für seine Familie.“ Solch ein Satz erträgt kein Nein.

Nein zu sagen ist überfordernd. Wann? Wenn wir Mächtigen – Eltern, Politiker, Banken, Chefs gegenüberstehen und jene wichtige Entscheidungen für uns treffen.

Nein sagen könnte vorteilhaft sein. Wir könnten unser Geld für etwas Sinnvolleres ausgeben, als für das dreißigste Paar Schuhe oder unsere Zeit mit Menschen verbringen, die wir wirklich schätzen.

Es gäbe also genügend Gründe Nein zu sagen und ebenso viele das Nein zu unterlassen. In den meisten Fällen ist uns nicht bewusst, weshalb wir mitmachen, uns ausbeuten lassen, uns trotz Datenklau bei Facebook anmelden, Parteien wählen, die es nicht gut mit uns Bürgern meinen oder unserem Partner einen Gefallen tun, den wir eigentlich nicht gut heißen.

Deswegen wäre es wichtig sich Haltungen und Werte zu erarbeiten. Denn nur auf der Grundlage einer sicheren Argumentation erhält unser Nein auch seinen Wert und wird damit auch eher akzeptiert.

Bevor wir also Ja oder Nein sagen, sollten wir die Werte kennen, die unser Handeln anleiten. Wer Nein-Sagen möchte, Seile kappen möchte oder Beziehungen anders „stricken“ möchte, der sollte im Vorfeld Argumente sammeln und herausarbeiten weshalb das Anliegen, das Veto, die Rebellion so wichtig ist.

Wie formulieren wir unser Nein, so, dass es auch akzeptiert wird? Arbeiten wir dies an einem einfachen Beispiel durch: Der zwölfjährige Peter möchte seine erste Playstation und er wird nicht müde, diesen Wunsch täglich neu auf dem Frühstückstisch zu platzieren. Der Vater hat gar keine Lust mehr sich das anzuhören, hat aber bislang nur mit den Augenbrauen gezuckt, um sich dann wieder in seine Zeitung zu vertiefen. Doch heute hat er sich vorgenommen, die Sache vom Tisch zu räumen.

1. Nein sagen

Nein, du wirst keine Playstation bekommen!

2. Störendes Verhalten benennen

Ich möchte dieses Thema auch nicht mehr am frühen Morgen besprechen, am liebsten wäre es mir, wenn wir überhaupt nicht mehr darüber sprechen.

3. Begründen

Und ich möchte meine Haltung auch gerne begründen. Ich weiß, dass diese Spiele sehr verführerisch sind. Aber das sind schließlich viele Dinge im Leben: Das sind Zigaretten, Alkohol, Süßigkeiten, Lebensmittel, die uns in der Werbung dargeboten werden. Es sind nutzlose Produkte und manchmal sollen wir nutzlose Sachen machen, die uns im Leben nicht voranbringen. Ich weiß, dass heute die meisten Jungs nicht Nein zum Playstationspielen sagen können , auch wenn sie um die Suchtgefahren wissen. Ich weiß auch, dass du bestimmt auch von anderen Jungs dazu gedrängt, bzw. verführt wirst an Onlinespielen teilzunehmen. Aber gibt es nicht auch Jungs, die andere Freizeitinteressen pflegen? Du spielst schon Gitarre und liest gerne. Ich bin mir sicher, dass wenn du das Spielen auf der Playstation beginnst du deine anderen Interessen vergisst. Das Gitarrenspielen, das dir ja so viel Spaß macht vielleicht sogar aufgibst, die Schule vernachlässigst und deine Leseleidenschaft verkümmert. Das wäre schade, und ich möchte es auch gar nicht erst auf einen Versuch ankommen lassen. Sondern ich möchte, dass du mein Nein akzeptierst. Ich glaube nicht, – ja ich bin mir eigentlich sicher – dass du aus deinem Freundeskreis deswegen bestimmt nicht ausgeschlossen wirst. Außerdem wäre es viel attraktiver, dass du selbst die Bedingungen für Freundschaft formulierst und du dir deine Freunde anhand deiner Interessen und Fähigkeiten aussuchst. Zudem hast du schon genug andere Möglichkeiten virtuell zu spielen und dich mit anderen zu vernetzen. Das sollte genügen, es muss nicht noch ein Spiel sein, dessen Hardware man zudem jedes Jahr erneuern muss, weil es dem aktuellen Stand der Technik nicht entspricht.

4. Alternativen Vorschlagen

Wie wäre es, wenn du dir etwas Anderes wünschst? Etwas ganz Neues und dir Freude macht? Wir können auch gerne mal ein richtiges – kein virtuelles – Abenteuer bestehen. Ich lade dich hiermit mit deinen Freunden ein – an einem Wochenende eine Wanderung zu unternehmen und draußen im Wald zu schlafen. Ihr macht euch bestimmt in die Hosen, wenn es dann nachts knarzt und schnaubt und der Wald dich mit all seinen Geheimnissen konfrontiert. Was hältst du davon?

Ein Nein, das auf Punkt Nummer eins beschränkt ist: „Nein, du wirst keine Playstation bekommen!“,  kann den Jungen nicht sättigen. Der Vater sollte seinen Entschluss begründen, seine Werte mitteilen und dem Sohn argumentativ begegnen können. Das bedeutet nicht, dass der Junge glücklich mit der Entscheidung des Vaters wird, aber es wird ihm leichter fallen, diese zu akzeptieren. Gerade dann, wenn ihm alternativ etwas angeboten wird, dass die Bedürfnisse eines heranwachsenden Jungen in ähnlicher Weise befriedigt.

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