Zwei Aspekte des Streitens

miteinanderWenn wir uns mit jemandem verbunden fühlen, dann können wir dies ganz wörtlich verstehen: Zwischen uns und unserem Gegenüber sind unsichtbar zwei Seile gespannt. Das eine Seil steht für das Thema, über das gestritten wird, das andere Seil steht für die Beziehung zwischen den Streitenden. Mal ist das eine Seil gespannt, mal das andere. Einen Konflikt lösen können wir nur dann, wenn das „Beziehungsseil“ durchhängt und das Seil, das an der Sache zerrt angespannt ist.

Schauen wir genauer hin. Jegliche menschlichen kommunikativen Bemühungen, lassen sich unter zwei Aspekten betrachten. Auf der Sachebene streiten wir mit Argumenten – wir möchten unser Gegenüber überzeugen, wir beziehen uns nicht auf den Menschen, sondern auf das was er sagt. Auf der Beziehungsebene möchten wir uns durchsetzen, gewinnen, unsere Macht stabilisieren, besser sein, Recht behalten und nicht unbedingt überzeugen.

Der emotionale und der sachliche Aspekt eines Konfliktes läst sich auch gut am Sprachgebrauch erkennen: Denn ein Problem lässt sich lösen, ein Streit beenden. Wobei wir „lösen“ auch in einem psychologischen Sinne verstehen können. Denn wenn sich etwas löst, dann verschwindet die Anspannung, die Kampfbereitschaft. Wenn es uns nicht gelingt, den Konflikt zu lösen, können wir immerhin noch einen Streit beenden, die weiße Flagge hissen, den Raum verlassen, auf zehn zählen, in die Hand beißen, tief Luft holen, seufzen, stöhnen, ächzen …

Dadurch, dass wir der heißen Phase des Konflikts entfliehen, lässt sich das Miteinander kühl stellen und wohltemperiert zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorholen. Dann können wir das Beziehungsseil locker lassen und uns um die Sache kümmern, den Unterschied, den es zu überwinden gilt, das Problem, das es zu lösen gilt.

Ihre Erfahrung sagt ihnen aber: Das ist nicht so leicht zu realisieren, weshalb? Weil unsere Emotionen uns manchmal so stark beherrschen, dass wir der Eskalation viel näher sind als dem „Kaltstellen“ des Streits. Und gerade dann, wenn es knallt, qualmt, raucht und staubt können wir davon ausgehen, dass es sich hier vor allem um ein Beziehungsproblem handelt. Es also gar nicht mehr überwiegend um die Sache geht. Die Emotionen verankern das Problem aber tief in den jeweiligen Lebensgeschichten, der Persönlichkeit der Beteiligten, sodass wir ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse unseres Gegenübers benötigen, um einen Beziehungskonflikt zu lösen.

Literaturtipp:

Schultz von Thun: Miteinander reden, 1 Störungen und Klärungen, 2 Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung, 3 Das innere Team und situationsgerechte Kommunikation

Paul Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren: Das Lesebuch

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