Die Kunst des Dialogs

Viele Gespräche verlaufen unbefriedigend: Jemand erzählt etwas und der Gesprächspartner greift Stichworte auf, um seine Sicht der Dinge zu platzieren. Alle am Gespräch Beteiligten versuchen eigene Bedürfnisse zu befriedigen: Jeder möchte es besser wissen,  irgendwas loswerden, sich entlasten, den anderen überzeugen, überreden, oder einfach nur palavern oder man wartet auf die Gelegenheit einen guten Witz zu machen. Weshalb ist das so und gibt es dazu Alternativen?

Wenn wir in einer geselligen Runde sind, sind wir meist auf Anerkennung aus. Wir möchten bewundert und wertgeschätzt werden, wir möchten zeigen, was wir drauf haben und fordern unbewusst den Respekt der anderen ein. Jeder versucht kräftig am anderen zu ziehen und ihn für die eigenen Gesprächsziele „einzuspannen“. Der andere ist nur Mittel zum Zweck. Er ist das Vehikel für unseren Erfolg.

Diese Art des Dialogs finden wir überall, in der Kneipe, auf der Straße, in Talkshows, in Diskussionsrunden, zu Hause. Es sind meist Dialoge, die uns irritieren und unsere Kontaktbedürfnisse nur teilweise befriedigen. Selten führen diese Gespräche für beide Seiten an ein befriedigendes Ende, sind konstruktiv bzw. gut zu nennen. Kennen Sie das? Oft genug ärgern wir uns über die anderen und suchen deswegen nach Fehlern und Anklagepunkte, die dem anderen seine Größe nehmen. Sie sehen das anders? Dann achten Sie in Zukunft genau auf die Interessen, die sie im Gespräch verfolgen. Wie ergeht es Ihnen, wenn sie mit jemanden in einen Dialog einsteigen? Welche Absichten haben Sie dann, welche Ziele verfolgen Sie?

Stellen wir uns jetzt ein großes Netz vor, bei dem jeder Knotenpunkt durch einen Menschen repräsentiert ist und jetzt stellen Sie sich vor, dass die Verbindungen zwischen den Knotenpunkt Beziehungen repräsentieren, die auf oben beschriebenen Dialogkompetenzen beruhen. Das ist ein Netz von Beziehungen das bebt, wabert, stets erregt ist, nie zur Ruhe kommt und auch nie ein netzübergreifendes Ziel verfolgt. Wir leben zusammen mit Milliarden von Menschen und jeder verfolgt seine ganz eigenen Interessen. Eine sehr einfache Erklärung für die Krisen und Unruhen in dieser Welt, oder? Somit sind wir aufgerufen die Qualität des Miteinanders zu verbessern, den Dialog als Kunstform erheben.

Wenn wir von Fortschritt oder Progression sprechen, dann meinen wir damit ausschließlich den technischen Fortschritt, im psychologischen Bereich sprechen wir von Persönlichkeitsentwicklung. Selten sprechen wir davon, dialogische Kompetenz voranzubringen oder wenn dann nur, um eigene Interessen durchzusetzen; z.B. wenn etwas verkauft werden soll, wir uns perfekt darstellen wollen oder den Kollegen am Arbeitsplatz kommunikativ optimiert begegnen sollen. Dialogische Kompetenz als friedensstiftende Massnahme zu etablieren und als Quelle von Ideenreichtum und neuen Perspektiven zu betrachten, davon sind wir leider weit entfernt.

Ausgehend von diesen Prämissen können wir nun festlegen, wie konstruktive Dialoge zu führen wären. Indem wir die egoistischen Ziele im Gespräch durch andere Gesprächsziele ersetzen. Die egoistischen Gesprächsziele fundieren übrigens auf zwei Dingen: Wir möchten Macht ausüben und Recht behalten. Die Lösung liegt somit auf der Hand: Wir pflegen das Miteinander und versuchen auf der Sachebene zu einem Austausch von Argumenten zu gelangen, mit dem Ziel eine höhere Weisheit bzw. auf eine höhere Ebene der Erkenntnis zu gelangen.

  • Das Gespräch so lange wie möglich „wach“ zu halten
  • Erst dann mit der eigenen fundierten Meinung dem anderen begegnen, wenn wir uns sicher sein können, den anderen auch wirklich verstanden zu haben
  • Suche nach Kompetenzen und den Dialogzielen deines Gegenüber
  • Wenn du anderer Meinung bist, versuche deinen alternativen Standpunkt darzulegen und fechte die Meinungsverschiedenheit  argumentativ aus, bleibe dabei flexibel und offen für die Argumente der Gegenseite
  • Sei an jeder Stelle des Gesprächs bereit dafür den eigenen Standpunkt zu Gunsten eines höheren Standpunktes aufzugeben
  • Um die Augenhöhe mit dem Gesprächspartner zu garantieren, also ein Machtgefälle zu vermeiden, ist es sinnvoll an manchen Stellen des Gesprächs wie ein Therapeut zu agieren:

Im therapeutischen Dialog möchte der Klient so gut es geht verstanden werden und der Therapeut möchte den Klienten unterstützen. Da der Therapeut um die Gesprächsziele weiß, liegt es in seiner Verantwortung diese auch zu garantieren: Einen therapeutischen Dialog zu entfalten, ist durch den Wunsch motiviert, den anderen zu verstehen, im zuzuhören, ja ihm aktiv zuhören, diesen Prozess also offensiv unterstützt: „Ja, ich möchte dich verstehen – ich werde alles dafür tun, das, was du sagst, so zu verstehen, wie du es mir eigentlich mitteilen möchtest. Erst wenn ich ganz sicher bin, dass ich dich wirklich verstanden habe, weiß ich, dass ich in einem Dialog mit dir bin. Dazu gehört nicht nur, dass ich verstehe, was du mitteilen möchtest, sondern auch, dass ich mich einfühlen kann und ich möchte auch verstehen, weshalb du mir gerade mir das mitteilst. Erst wenn das Gegenüber das Bedürfnis nach gesehen werden, nach verstanden werden und in seiner Haltung akzeptiert werden erfüllt sieht, können wir von einem gelungenen therapeutischen Dialog ausgehen.

Wenn Sie also „gute“ Dialoge führen wollen, dann versuchen Sie es mal mit einer therapeutischen Haltung und  kombinieren Sie dies mit einer kämpferischen Haltung bzgl. der eigenen Argumente, die sie auch bereit sind aufzugeben, wenn im Gespräch neue Argumente auftauchen, die plausibler, schöner, authentischer erscheinen. Vieleicht gelingt es Ihnen ja, neue Gesprächsziele vorzugeben, wenn Sie das nächste Mal mit Ihrer Freundin quatschen. Das ermöglicht – und da bin ich mir ganz sicher – eine neue Qualität des Miteinanders.

Martin Buber (2010): Wer eine Seele rettet, rettet die Welt: Das Martin Buber-Lesebuch. Crotona Verlag GmbH

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